Es ist Sommer. Genauer gesagt der 11. Juli 2013. Die letzten Woche, Monate, fast schon Jahre waren sehr schwer. Es hat alles damit begonnen, dass es mir ab April 2011 plötzlich immer wieder schlecht war. Ständig. Ich war dann beim Arzt und wir haben verschiedene Mittel ausprobiert. Aber es hat mir nicht geholfen. Im Juli, also eigentlich genau vor 2 Jahren bin ich dann mit meiner Freundin an den Gardasee. Der erste gemeinsame Urlaub. Das war schon schön. Aber es ging mir wieder so schlecht. Mir war sooo schlecht. Mit 4 Tabletten habe ich die Nacht überstanden. Es hatte sich richtig eingebürgert, dass ich mich nicht mehr wohl gefühlt habe. Es war mir einfach fast immer schlecht.
Im August hatte ich dann eine Magenspiegelung. Dabei kam Reflux heraus. Ok, ich habe etwas Körperliches. Damals habe ich mir noch keine Gedanken gemacht, dass das unheimlich viele Leute haben. Und leicht behandelt werden kann. Ich habe also auch Pantoprazol genommen, aber so richtig genutzt hat es nichts. In den Wochen und Monaten danach wurden die Abstände zum "es geht mir schlecht" immer kürzer und die Tage, an denen es mir schlecht war oder ging immer öfter. Ich war in einem Teufelskreis. Doch ich bin stark. Ich habe immer versucht, mich zusammenzureißen, mich selbst zu überlisten. Die Fragen kamen erst jetzt in den letzten Monaten auf.
Weihnachten 2012 war eine Vollkatastrophe, es ging mir einfach nie gut, mir war es an allen Feiertagen immer schlecht. Im April 2013 dann der absolute Burner. Ich war 2 Wochen komplett krank geschrieben, weil es mir immer so schlecht war. Ich habe noch mal Blutuntersuchungen gemacht und Ultraschall und alles schien in Ordnung. Ich habe in dieser Zeit entschieden, eine Alternative auszuprobieren. Ich nenne ihn Guru. Der Guru stellte fest, dass ich sehr nervös bin. Und deshalb sollte ich täglich einen Spaziergang von mindestens 40 Minuten machen. Gut, das habe ich umgesetzt und das fand ich auch sehr angenehm. Zusätzlich sollte ich auf alles Milchprodukte, Weißwein/Sekt, Ein, Orangen- und Apfelsaft verzichten. Somit Säure weg und der Rest vegan aber mit Fleisch. Immer wieder die Hoffnung, dass es hilft. Er hat schließlich so vielen anderen schon geholfen. Aber ich hatte einfach nicht das Gefühl, dass es mir hilft. Man muss auch dazu sagen, ich habe keine Unverträglichkeit.
In die Arbeit ist alles, was ich noch konnte mit Ausnahme der 2 Wochen im April, doch mein Privatleben wurde richtig lahm. Spaß, Ausgehen, Essen gehen, Sex, alles nicht denkbar. Ein Berg. Nach 8 Wochen Guru bin ich mit meiner Freundin und meinen Eltern auf die AIDA. Ich wurde 30. Eigentlich erwachsen. Doch davon bin ich weit entfernt. Dort habe ich meine "Diät" unterbrochen. Man muss dazu sagen, die Diät ist nicht nur schwer für mich, sondern ich bin recht dünn, zu dünn, weil es mir eben oft nicht gut geht, und nun durfte ich nicht mal mehr die Sachen essen, die ich gerne mochte (Schokolade, Pizza, Gratins, Käse etc.). Eine zusätzliche Einschränkung. Diese habe ich auf der AIDA unterbrochen. Der Urlaub war wunderschön. Doch die Euphorie war einfach dadurch gedämpft, dass ich nicht so frei und fit war. Die Freude fehlte. Ein Leben, das an einem vorüber läuft. Als wir zurückkamen war ich total fertig, Kreislauf und alles spiele verrückt. In der Zeit des Gurus kamen neue Symptome hinzu, der Körper in totaler Anspannung, Mattigkeit, Engegefühl, leichte Panik, Schwäche, die sich ganz seltsam anfühlte und und und.
Nach der AIDA habe ich mich gar nicht mehr erholt. Der Guru meinte, ich sollte das alles weiterhin so machen und nun dürfte ich aber Ziegen- und Schafskäse, Wachteleier und Büffelmozzarella essen. Immerhin. Das machte ich auch. Es ging mir gar nicht gut. Schrecklich. Dazu diese Dauerkälte. Der März Winter. Der April war mittelmäßig. Der Mai kalt, der Juni kalt.
In der Woche nach meiner Rückkehr von der AIDA bin ich auf Geschäftsreise. Dort ging es mir einen Abend auch furchtbar schrecklich. Dies hing sicher mit den Temperaturen von 38 Grad, der langen Fahrt, zu wenig essen, zu viel körperlicher Aufwand, zusammen.
Ich war am Ende. Doch irgendwie bekam ich das auch rum. Seit der AIDA ´Reise könnte ich keinen Tag nennen, an dem ich richtig fit, frei, glücklich gewesen wäre.
Mein Leben hatte jeglichen Sinn verloren. Ich konnte nie mehr spontan sein. Ich war immer angespannt. Nun fing es an, dass alles darunter litt. Meine Freundschaften, meine Beziehungen aber vor allem ich selbst. Ich konnte genau noch das machen, was notwendig war, um es allen, so gut es eben ging, recht zu machen. Plötzlich ist mir alles zu viel. Alles. Leute einladen, kochen, verschiedene Aufgaben.
Es musste sich was ändern. Dann war ich Ende Juni noch mal beim Guru. Plötzlich hatte ich was mit der Schilddrüse, dabei war in den Untersuchungen im April alles super. Er war komisch. Schnell sein Geld. War das etwa ein Scharlatan. Allen hatte er helfen können, nur mir nicht? Oder liegt es an mir. Sitzt das Problem etwa viel tiefer?
Meine beste Freundin hat ein langes Gespräch mit mir geführt. Es war sehr emotional und anstrengend. Und ich habe zugegeben. Ich kann so nicht mehr leben. Ja, ich habe keine Freude mehr. Und nein, ich bekomme das alles nicht mehr in Griff. Es kann so einfach nicht weitergehen. Ich wusste es schon länger, ich wollte es mir nicht eingestehen. Doch sie hat mir offen gesagt, dass sich etwas ändern muss. Und ja, ich war bereit dazu. Ich wollte dem Guru die Chance geben, dass er mir helfen kann. Doch nach 12 Wochen fühlte ich mich so schlecht wie nie.
Gleich montags (der 24. Juni) begab ich mich auf die Suche nach einem Therapeuten für mich. Eine Frau erschien mir der richtig Gesprächspartner. Es sollte in der Nähe sein. Ich lebe in München und einmal durch die Stadt, dies war unmöglich. Ich probierte einige aus. "Wir nehmen keine neuen Patienten an", "Wir haben Urlaub", "wir nehmen nur Privatpatienten und Selbstzahler", "wir rufen Sie zurück" (Anmerkung: geschah nie). Doch dann dienstags, der Zufall. Ich erwischte eine Therapeutin. Sie klang so nett. Sie bot mir ein erstes Kennenlernen eine Woche später schon an. Ich war überglücklich. Ich hatte es geschafft und sie klang sympathisch. Der erste Schritt war getan. Nummer 5 war es schon.
Ich fieberte dem Treffen entgegen.
Endlich war es soweit. Ich war voller Anspannung, Vorfreude, Unsicherheit.
Ich ging rein. Die Atmosphäre war angenehm. Sie war schien mir sympathisch. Wir saßen und gegenüber auf zwei Sesseln. Ein Raum, eine Atmosphäre nur für mich. Jemand, der sich, wenn wir zueinander passen sollten, nur mit mir beschäftigt. Für mich da ist. Sie zog den Vorhang vor der Tür zu. Sie schloss das Fenster und setzte sich mir gegenüber. Nach wenigen Formalitäten zu meiner Person und Krankenkasse fragte sie mich, weshalb ich da bin. Und es brach aus mir heraus. Ich erzählte wild durcheinander von meiner körperlichen Defiziten, von meiner Schwester, dass ich in einer Partnerschaft bin, dass ich unglücklich in meinem Job bin. Einfach alles. So durcheinander, dass ich mir dachte, ob ich nicht zu konfus daherrede. Sie stellte wenige Fragen. Sie erklärte mir, dass ich die Möglichkeit habe 5 Therapeuten zu "testen", dass es verschiedene Verfahren gibt. Dass sie der Scheinwerfer sein wird, der um mich kreist, mich leitet, während ich mich selbst analysiere. Viele Mosaiksteinchen ergeben irgendwann ein Bild. Dann weiß ich, wer ich bin. Bis dahin wird es wohl ein langer Weg werden. Auch nicht einfach.
Ich erzählte weiter, alles Mögliche und ich war froh, als sie mir einen Termin für meine erste richtige Sitzung die Woche darauf anbot.
Am folgenden Tag ging es mir so schrecklich. Ich habe es grad so von der Arbeit nach Hause geschafft und mich auf die Couch gelegt. Ich hatte alles. Ich war so matt. Dachte, ich krieg eine schlimme Erkältung. Ich stand völlig neben mir. Es war ein ganz seltsames Körpergefühl. Unbeschreiblich. Später wurde es mir dann noch furchtbar schlecht. Dann habe ich wieder 3! Tabletten genommen. Von denen war ich total benommen. Am nächsten Tag stand ich auch noch total neben mir und war schwach. Ich hatte einen wichtigen Termin. Später wurde es dann erträglich. Aber die ganzen Tage waren furchtbar. Und das obwohl ich eine Zusage für ein Vorstellungsgespräch hatte. Für meinen Traumjob. Mir ging es nicht so gut, dass ich meine Freude so richtig zeigen konnte. Freitags war es erträglich und am Samstagabend richtig gut. Bis Sonntagvormittag. Dann war mir wieder schlecht. Dieses Mal vielleicht wegen dem Vorstellungstermin am Montag. Ich habe mich schrecklich gefühlt. So nervös. Doch eigentlich ist es ganz gut gelaufen. Jetzt heißt es: abwarten. Ich wünsche mir so sehr, dass es klappt. Denn die Arbeit ist sicherlich ein Stück weit Schuld an dem wie es mir jetzt geht.
Endlich, endlich war es soweit. Der 10. Juli. Vormittagstermin. Ich habe es mir eingerichtet. Was ist schon wichtiger als man selbst. Und die Arbeit, da brauche ich kein schlechtes Gewissen zu haben.
Da saß ich wieder. Auf dem Stuhl. Sie fragt mich, wie es mir geht. Ich erzähle, wie schlecht es mir ging die Woche über. Sie sagt, dass meine Seele sich bemerkbar macht. Dass dies meine inneren Gefühle sind. Sie schaut mich an. Ganz nett. Sie meint sie erlebt mich so nervös und gleichzeitig so traurig. Und ich fühle diese innere Traurigkeit. Die Tränen wollen hoch. Ich sage, dass ich es auch bin. Sie fragt wieso. Ich sage, weil ich mein Leben nicht mehr genießen kann. Ich erzähle von meinem Urlaub, meinem Geburtstag, dass mir alles zu viel ist. Aber dass es das doch eigentlich nicht ist. Sie sieht das anders.
Dass ich mich nicht zu einer Entscheidung, wo ich mal leben will entscheiden kann. Nicht richtig erwachsen bin. Vielleicht zerrissen. Baden oder Bayern?
Ich erzähle, warum ich nach München gekommen bin. Dass ich mich selbst finden möchte. Meine sexuelle Orientierung. Sie reagiert sehr sensibel. Das Gespräch darüber ist sehr angenehm, sehr intim. Sie erkennt meine inneren Konflikte, dass nicht die Realität das Problem ist.
Die Stunde ist zu Ende. Wir sehen uns erst in 2 Wochen wieder. Darüber bin ich fast traurig. Ich gehe raus und ich fühle mich wie verliebt. Ich schwebe. Es fühlt sich so gut an. Ich bin so froh, dass ich das gemacht habe und diesen Schritt gegangen bin.
Ich glaube, es wird noch sehr schwer für mich werden, denn da werden auch Stunden dabei sein, wo man erkennt, was alles falsch läuft. Aber deshalb bin ich ja dort, damit das alles besser wird. Ich bin so froh SIE gefunden zu haben. Sie ist einfach toll. So ein Glückstreffer.
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